So sagte es Corrie ten Boom, eine Holländerin, die zusammen mit ihrer Schwester Betsie wegen ihrer Hilfe für jüdische Menschen in das KZ Ravensbrück kam. Es war ein sehr stiller Mut, der nicht von den Aufsehern entdeckt werden durfte, mit dem sie aber viele ihrer Mitgefangenen ermutigt hat.
Mut ist Angst, die gebetet hat.
Diesen Mut brauchte auch ein junges Mädchen in Galiläa, in der Stadt Nazareth. Sie war vielleicht 14 oder 15 Jahre alt. In diesem Alter heirateten die jungen Frauen damals. Maria war mit Josef verlobt.
Eine Verlobung war damals ein bindendes Eheversprechen. Eine Verlobung wieder aufzulösen, kam einem Ehebruch nahe; da war man geächtet in der Community des Dorfes.
Während der Verlobungszeit schon schwanger zu werden, war noch schlimmer. Entweder war die junge Frau untreu geworden, hatte also Ehebruch begangen – dann war sie ein Leben lang gebrandmarkt, aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen oder nur noch geduldet.
Oder die beiden jungen Leute waren einfach unbeherrscht, konnten ihr Verlangen nicht zähmen. Dann wurde die Ehe sehr schnell und ohne große Feier auch rechtlich vollzogen, das war aber eine große Schande für das Paar und die ganze Familie der beiden.
In dieser Tradition sind Maria und Josef aufgewachsen; sie kennen die Regeln, wissen, was von ihnen erwartet wird. Auf diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, wie Maria reagiert, als sie eines Tages Besuch von einem Engel bekommt. Das allein ist ja schon furchterregend genug, und so beruhigt der Engel sie erst mal mit den Worten: „Fürchte dich nicht.“ Noch furchterregender aber ist der Auftrag, den Maria bekommt: Durch die Einwirkung des Heiligen Geistes einen Sohn zu bekommen, der „Sohn des Höchsten“ genannt werden wird, den Thron Davids bekommen und ewig herrschen soll.
Das ist ein heiliger Moment. Maria weiß: Hier spricht Gott. Der Gott, der den Kosmos in die Existenz sprach, der kann auch ein Kind in die Existenz sprechen. So nimmt sie all ihren Mut zusammen und sagt: „Ich bin dem Herrn untertan, mir geschehe, wie du gesagt hast.“
Ist das Fatalismus, ein Einwilligen, weil ich gar nicht anders kann? Weil Gott ja sowieso macht, was ER will? Oder ist das Vertrauen: Wenn Gott mir das Unmögliche zumutet, wird er auch dafür sorgen, dass ich das irgendwie bewältige?
Mut ist Angst, die gebetet hat.
Josefs Herausforderung ist es, Maria zu glauben, dass sie nicht untreu war. Josef wird an anderer Stelle ein „Gerechter“ genannt – also ein Mann, der die Gebote Gottes kennt und befolgt. Er hätte alles Recht gehabt, Maria der Schande auszusetzen, aber er macht es nicht. Er ist ein Mann des Betens, des Hörens auf Gott und bekommt so die Kraft, die Schande der Zuchtlosigkeit auf sich zu nehmen und Maria in aller Stille zu heiraten.
Welch ein Mut für einen Ehrenmann! Das Handeln Gottes so zu ehren, dass dabei auch die eigene Ehre in Schieflage kommt – dazu gehört wirklich Mut.
Maria und Josef werden wohl auch Stunden oder Tage gehabt haben, an denen das Unglaubliche stark in ihnen wurde und der Glaube angefochten war. Ja, dann kommt die Angst, will sich breitmachen in uns. Dann muss die Angst beten. Dann müssen die inneren Augen wieder den Fokus finden auf die Zusagen Gottes und denen mehr glauben als der eigenen Angst.
Das ist Mut.
Mut ist Angst, die gebetet hat
Irene Müller
