Ein Beamter ist in seinem Wagen unterwegs. Er liest die Schriftrolle des Propheten Jesaja, doch er versteht ihren Inhalt nicht. Nicht selten geht es mir ähnlich, wenn ich abends meine Bibel aufschlage und darin lese – besonders im Alten Testament. Zwischen Geschlechtsregistern, Opferanweisungen und prophetischen Orakeln kann einen schon einmal der Mut verlassen. Als der Beamte von einem Passanten angesprochen wird, sagt er: „Wie kann ich es verstehen, wenn mir niemand hilft!“ (Apg. 8,31).
Auch wir brauchen oft Hilfe, wenn wir die Bibel oder grundsätzlich unseren Glauben entdecken wollen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, denn Glaube ist Gemeinschaftssache, kein Einzelkämpferlehrgang. Wir brauchen Menschen, die uns weiterhelfen. Es stärkt unseren Glauben, mit Menschen zusammenzukommen, die ganz andere Perspektiven auf das Leben haben.
Auch die Bibel ist darauf ausgelegt, in Gemeinschaft gelesen zu werden – besonders in unserer Zeit, die sich so grundlegend von der Zeit unterscheidet, in der die Texte entstanden sind. Zudem liegt es in der Natur der Texte, dass man nicht alles beim ersten Lesen begreift. Gerade biblische Erzählungen sind so konzipiert, dass sie erst durch wiederholtes Lesen ihre ganze Bedeutung entfalten. Die Bibel ist Literatur für ein ganzes Leben.
Was also ist zu tun, wenn wir feststecken? Frag die Person, die neben dir in der Kirchenbank sitzt. Sprich die Bibelstelle in deiner Kleingruppe oder deinem Hauskreis durch. Schau dir ein Video des Bibel-Projekts zu dem Buch oder Thema an. Lies einen guten Kommentar.
Was für die Bibel gilt, gilt genauso für alle Bereiche unserer Nachfolge Jesu. Ob es unser Gebetsleben ist, das wir intensivieren wollen, oder das Entdecken von Gaben des Heiligen Geistes: Wir müssen den Weg nicht alleine finden. Viele sind ihn schon vor uns gegangen, viele gehen ihn gemeinsam mit uns. Wir müssen uns nur trauen, andere Nachfolger in unseren Wagen einzuladen – wie der Beamte, der Philippus zu sich einlud.
Auch der Apostel Paulus ermutigt die Gemeinden, sich gegenseitig im Glauben zu unterstützen: Das Evangelium wohne reichlich unter euch; unterrichtet einander und zeigt einander den rechten Weg, in aller Weisheit! (Kol 3,16). Wenn wir also das nächste Mal nicht weiterkommen – sei es beim Einüben einer Gebetsroutine, beim Lesen des Buches Hiob oder bei der Frage nach der Bedeutung des Abendmahls: Glauben entdecken geht am besten in Gemeinschaft.
Stefan Röll