Quer durch Afrika

Wie der lebendige Gott in schier aussichtslosen Situationen eingreifen und Wiederherstellung bewirken kann.

Es ist gut, sich als Gemeinde daran zu erinnern und einander zu ermutigen, wie wir gelernt haben, mit Erlebtem umzugehen, Gott zu suchen, zu vergeben, Heilung zu erfahren und neue Wege zu gehen. Ich bin Gott unglaublich dankbar, dass er sich mir in meinem Leben gezeigt hat

und dies immer noch tut.
Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf im Osten der Demokratischen Republik Kongo.
Das nächste Dorf war zu Fuß vier Stunden entfernt, die nächste große Stadt eine Woche. Als Familie lebten wir von der Landwirtschaft. Es war ein relativ normales und friedliches Leben, das sich schlagartig änderte, als nach der über 40 Jahre langen Diktatur unter Mobutu und nach dem Völkermord in Ruanda der Krieg in meinem Land ausbrach. Es war der Beginn unzähliger bis heute andauernder gewaltsamer Konflikte, die seither über sechs Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Ich war zehn Jahre alt und in der Schule, als Rebellen mein Dorf stürmten. Wir dachten, der Lärm wäre ein Gewitter, bis der Lehrer uns sagte, dass dies Schüsse seien und wir schnell nach Hause laufen sollten. Es war nur der Anfang von vielen schlimmen Ereignissen, die meiner Familie und mir seitdem widerfahren sind. Wir zogen von Dorf zu Dorf in der Hoffnung, irgendwo sicher zu sein. Stattdessen hörte man von überall Geschichten von Massakern und Überfällen. Zu dieser Zeit rekrutierten verschiedene Rebellengruppen und auch die Armee Kindersoldaten für ihren Kampf. Als Junge und ältester Sohn der Familie war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch mich rekrutieren würden. Drei Rebellengruppen setzten meinen Vater bereits unter Druck, mich herzugeben. Bei anderen Familien sahen wir, wie verwundete Söhne zurückkamen und traumatisiert ihre eigenen Familienmitglieder misshandelten. Es war alles unfassbar schlimm und ein komplettes Chaos.

Die Reise beginnt

Deshalb beschloss mein Vater, es sei besser für mich, das Land zu verlassen und irgendwo unschuldig zu sterben, als ein Kindersoldat zu werden. Eines Tages, kurz vor Sonnenaufgang, weckten mich meine Eltern, um mich dann wegzuschicken. Sie beteten für mich, wir weinten und mit dem ersten Sammelbus war ich auf dem Weg in die nächstgrößere Stadt, von wo aus ich mein Land verlassen sollte. Ich war allein, hatte unglaubliche Angst und keine Ahnung, wohin ich gehen sollte. Das einzige, was ich hatte, waren zweihundert Dollar, die meine Mutter mir in meinen Hosenbund genäht hatte. Mein Vater hatte dafür zuvor vier Ziegen verkauft. So begann meine Reise. Ich überquerte die Grenze zu Ruanda. Dort traf ich zwei andere Jungen, die aus dem gleichen Grund wie ich auf der Flucht waren. Von Ruanda ging es weiter nach Burundi. Dort schlichen wir uns in den Maschinenraum einer Fähre, die uns innerhalb von drei Tagen über Tansania nach Sambia brachte. Niemals zuvor waren wir in einer so großen Stadt in einem fremden Land, wo wir kein Wort verstanden und zudem uns ständig verstecken mussten. Ohne Plan liefen wir zu Fuß dorthin, wo Leute uns zu verstehen gaben, es sei besser für uns. Wir versteckten uns in Frachtboxen auf LKWs, durchquerten den Sambesi-Fluss und Nationalparks um schließlich die Grenze nach Simbabwe zu überqueren und von dort aus durch ein Loch im elektrisierten Grenzzaun nach Südafrika zu springen. Während dieser Zeit verbrachten wir teilweise Tage ohne Trinken und Wochen ohne Essen. 

Das Leben auf der Straße

In Südafrika angekommen lebten wir auf der Straße. Zuerst eine Zeit lang in Johannesburg, dann in Kapstadt. Nach etwa zweieinhalb Jahren waren wir also an einem Ort angekommen, von wo aus es nicht mehr weiter ging – wir waren so ziemlich am südlichsten Punkt Afrikas. Das Leben war dort aber auch nicht besser. Wir aßen von Mülleimern und waren, vom Wunsch nach Überleben getrieben, in etliche kriminelle Machenschaften verwickelt. Das schlimmste waren aber die Zeiten, in denen mich die Erinnerungen an meine Familie und Zuhause einholten. Ich hatte Heimweh, obwohl die Gedanken an die Situation zuhause nur furchteinflößend waren. Ich vermisste meine Familie, obwohl ich nicht wusste, ob sie überhaupt noch am Leben war. Und trotzdem war ich unglaublich wütend auf meinen Vater. Er hatte mich weggeschickt, weshalb ich jetzt auf der Straße lebte wie ein Unmensch.

„Yesu Ni Muzima“ – Jesus lebt

Dass Jesus lebt, habe ich damals in Liedern im Kinderchor der Kirche meiner Eltern gesungen. Die Realität spiegelte das in meinem Leben überhaupt nicht wieder, bis ein Evangelisationsteam von „Jugend mit einer Mission“ mich auf der Straße in Südafrika ansprach und mich einlud, sie zu besuchen. Der Einladung folgte ich beim dritten Mal. Ohne es zu wissen, meldeten sie mich dann dort für eine glaubensvertiefende Schulung an. Es interessierte mich anfangs überhaupt nicht, was dort gelehrt wurde. Wichtig war, dass ich dreimal am Tag kostenlos zu essen bekam und unter einem Dach schlafen konnte, ohne Missbrauch zu erleben. Aber Gott nutzte die Zeit, um mir zu begegnen. Nach drei Wochen, als über das Thema „Vaterherz Gottes“ gelehrt wurde, konnte ich zum ersten Mal, nachdem ich meine Familie verlassen hatte, weinen. Das war der Anfang einer neuen Reise der Heilung, Vergebung und Erlösung, auf der ich mich bis heute befinde. Ich habe Gott kennengelernt – erfahren, dass ER in mir lebt und in meinem Leben Geschichte schreiben will zu seiner Ehre.

Zurück zum Anfang 

Der Weg zurück zu meiner Identität und Wurzeln in Jesus, führte mich auch zurück in meine Heimat. Über die katholische Kirche konnte ich meine Eltern und Familie ausfindig machen. Nach über elf Jahren reiste ich mit einem Team zurück in den Kongo. Das erste Mal sah ich meinen Vater, Mutter und Geschwister wieder. Es war ein unbeschreiblicher Moment und gleichzeitig holte es mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich war zutiefst erschüttert darüber, was meiner Familie und meinen Landsleuten in der Zwischenzeit widerfahren war. Es war Gottes Vergebung und Versöhnung, die in mir wirken mussten, um zu der Berufung zu finden, für die er mich erschaffen hat: Sein Reich im Kongo mit aufzubauen! Inzwischen haben wir den Verein „Focus Congo e. V.“ gegründet, und leiten Projekte mit Kindern, jungen Erwachsenen und Kirchen im Kongo. Ich möchte sehen, wie Gottes Frieden in meinem Land einkehrt, wie durch ihn Versöhnung geschieht, Heilung passiert und Hoffnung in den Herzen meiner Landsleute wiederhergestellt wird. Gerne berichte ich darüber an anderer Stelle mehr!

Wir alle haben Dinge in unserem Leben erlebt, von denen wir uns wünschten, sie wären nie geschehen. Unsere Erlebnisse und Erfahrungen prägen uns, aber sie definieren nicht, wer wir sind. Vielmehr kann Gott sie nutzen, damit wir unsere Identität und Erlösung in Jesus finden!

 

Pappy Orion Rwizibuka lebt heute in Hochzoll und ist Teil unserer Gemeinde St. Matthäus. Er ist Inhaber der Agentur OrionMedia und leitet zusammen mit seiner Frau Svenja die christlich geprägte Hilfsorganisation „Focus Congo e. V.“

 

 

Focus Congo

Focus Congo e.V. unterstützt und begleitet junge Menschen im Kongo, mit ihren Fähigkeiten das Reich Gottes zu bauen und Verantwortung für ihr Land zu übernehmen. Dabei entstehen lokale Projekte und Initiativen, die dem Land und seiner Bevölkerung dienen: von Schulungen bis hin zu Jüngerschaft in lokalen Gemeinden, Workshops an Universitäten, Performing-Arts-Projekte mit Straßenkindern, bis hin zur Realisierung von einkommensgenerierenden Maßnahmen für Familien. www.focuscongo.com

 

Kitoko Oyo

Kitoko Oyo (zu deutsch: Diese Schönheit) ist eines der Projekte von Focus Congo, bei dem der Name Programm ist: Bei diesem multimedialen Projekt lernen Kongolesen ihre ganz eigenen Geschichten der Hoffnung und Schönheit über Fotografie und Videos zu erzählen. Dabei geht es darum den unverkennbaren Wert, den Gott dieser Nation und seinen Menschen im Kongo zugeschrieben hat, darzustellen und zu zeigen, dass Kongo mehr ist als Krieg, Korruption und Zerstörung.

 

Kontak & Unterstützung

Focus Congo e.V., Röntgenstr. 8, 76351 Linkenheim-Hochstetten, www.focuscongo.com, info@focuscongo.com, 0821 29 70 32 30, Spendenkonto: Focus Congo e.V., IBAN: DE49 5206 0410 0005 0015 10

Albrecht Fietz

Datum

8. April 2019