Mein Ostermoment

Ostern war nie etwas Besonderes für mich. Morgens gingen wir zwar in den Gottesdienst, aber am Nachmittag kam dann der Rest der Familie, wir aßen, die Kinder suchten Geschenke und es wurde nicht mehr viel über das Osterereignis gesprochen. Wie so vieles in meinem Glaubensleben, habe ich die tiefere Bedeutung solcher traditionellen Feiertage erst später verstanden. Die wirkliche Freude über die Auferstehung Jesu habe ich so richtig letztes Jahr – an Ostern 2021 – gespürt. Da hatte ich einen richtigen Auferstehungsmoment, in dem es mir plötzlich durch den ganzen Körper fuhr und ich dachte: Wow, Jesus ist auferstanden! Wie krass ist das eigentlich! 

Und zwar kam das so: Ich hatte mir letztes Jahr vorgenommen, die Ostertage mal ganz bewusst zu gestalten und alleine zu verbringen. Das heißt, kein Familienbesuch, keine Freunde, nur Gott und ich. Ich machte mir vorher einen groben Ablaufplan, wie ich die Tage gestalten möchte. Zeit für Gebet, Gottesdienstbesuche, Bibellesen. Außerdem wollte ich dieses Jahr unbedingt mal den Film Passion Christi schauen. Meine Mitbewohnerin und ich kochten gemeinsam und es war eine wirklich gesegnete Zeit. Aber der Ostermoment ereignete sich dann am Sonntagmorgen kurz vor Sonnenaufgang im Auferstehungsgottesdienst der Lutherkirche bei mir um die Ecke. 

Ich sitze auf der harten Kirchenbank und lasse einfach das auf mich wirken, was um mich herum ist: Der wunderschön gestaltete Altarraum vorne, die Klänge von Klavier, Querflöte und Gesang. Die große Orgel auf der Empore hinter mir. Mein Blick wandert an den hohen Steinwänden hinauf, ich beobachte die Menschen um mich herum und genieße die Musik. In mir wird es nach und nach ruhig. Zwar fängt mein Kopf während der Predigt wie immer an zu arbeiten und ich analysiere die Struktur der Predigt (Danke, Theologiestudium). Aber dabei versuche ich, mich immer wieder auf das zu besinnen, was der Grund für mein Kommen war: Jesus ist auferstanden. Der Pfarrer beendet seine Predigt. Es wird still. Alle warten gespannt. Das schummrige Licht in der Kirche wird langsam durch die ersten Lichtstrahlen von draußen durchbrochen. Immer noch Stille. Und da – plötzlich – fängt die Orgel an zu spielen. Der starke, volle Klang durchdringt meinen Körper und mir kommen Tränen in die Augen. Ich kann es nicht erklären, aber ich weiß plötzlich mehr denn je: Das hat Bedeutung. Ich glaube schon lange und kann mich an keine Zeit erinnern, in der Gott nicht in meinem Leben war. Aber diese tiefe Erkenntnis, dass Jesus auferstanden ist, füllt mich neu. Ich spüre, das ist ein heiliger Moment. Dieser Jesus ist nicht nur am Kreuz gestorben und wurde danach begraben, wie andere Menschen zu jener Zeit auch. Nein, er ist auferstanden. Er lebt! Für mich heißt das zunächst einmal, dass er den Tod besiegt hat. Der Tod ist nichts mehr, was mir Angst macht, denn ich weiß, auch ich werde eines Tages auferstehen und bei Gott sein! Und ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Es heißt aber auch, dass Jesus noch heute lebendig ist, ich mit ihm sprechen kann, er mir antwortet. Und am meisten gibt es mir Hoffnung. Hoffnung, dass bei Gott alles möglich ist. Dass er größer ist als meine Begrenzungen und Probleme. Das Ereignis der Auferstehung ist nicht mit menschlicher Vernunft zu begreifen, man kann es auch nicht beweisen. Die Auferstehung ist das, was ich einzig und allein im Glauben annehme. Es eröffnet mir eine größere Dimension, die über dieses Leben hinausgeht. Ich kann meinen Blick weg von mir, hin zu Gott lenken. Jesus ist auferstanden, er hat den Tod besiegt, es gibt Hoffnung! Daran will ich mich nicht nur an Ostern, sondern an jedem Tag erinnern. 

Franziska Wizemann

 

 

Albrecht Fietz

Datum

15. März 2022