Manchmal müssen wir unseren Blick verändern, um mutig den nächsten Schritt gehen zu können. Das durften unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden auf einer Konfifreizeit auf eindrückliche Weise erleben. Für einen besonderen Moment sorgte unser Special Guest Mr. Joy, der mit seiner Mischung aus Illusionskunst, Jonglage und Artistik nicht nur für Staunen und Lachen sorgte, sondern auch eine Botschaft mitbrachte, die zum Nachdenken anregte:
Wie viel Mut braucht Vertrauen?
Wie anschaulich das gelingen kann, zeigte sich bei einem Experiment, für das Mr. Joy einen freiwilligen Konfirmanden nach vorne bat: Lukas.
Die Mausefalle
Vor ihm stand eine ganz gewöhnliche Mausefalle. Mr. Joy erklärte, wie sie funktioniert, spannte sie und löste sie anschließend mit einer Karotte aus. Klack! Mit einem lauten Schnappen schloss sich die Falle. Die Karotte wurde zerteilt und flog in alle Richtungen. Alle waren beeindruckt und es war sofort klar: Mit diesem Ding ist nicht zu spaßen! Wer hier unvorsichtig hineingreift, verliert seinen Finger.
Dann spannte Mr. Joy die Falle erneut. Diesmal sollte Lukas näherkommen, und Mr. Joy sagte:
„Lukas, vertrau mir! Schau mich an! Greif hinein, dir wird nichts geschehen.“
Doch Lukas hatte nur noch Augen für die Falle. Sein Blick war wie festgeklebt. Er hörte zwar die Worte, aber seine Aufmerksamkeit gehörte ganz der Gefahr, die direkt vor ihm lag. Von außen war deutlich zu erkennen, wie sehr ihn die Situation gefangen hielt. Da half auch die erste Ermutigung nichts. Mr. Joy versuchte es erneut: „Vertrau mir! Schau mich an! Du schaffst das!“
Langsam hob Lukas den Kopf. Für einen kurzen Moment begegneten sich ihre Blicke. Doch schon wanderte Lukas’ Blick wieder zurück zur Mausefalle. Die Anspannung war ihm anzusehen – von großer Begeisterung oder überschäumender Freude war in diesem Moment noch wenig zu spüren.
Also ermutigte Mr. Joy ihn ein weiteres Mal: „Lukas! Schau weg von der Falle. Schau mir in die Augen!“
Schritt für Schritt gelang es Lukas, seinen Blick von der vermeintlichen Gefahr zu lösen und sich auf den Menschen zu konzentrieren, der direkt vor ihm stand und ihm Mut zusprach. Schließlich fasste er sich ein Herz. Trotz seiner verständlichen Bedenken entschied er sich, den Worten von Mr. Joy zu vertrauen.
Vorsichtig bewegte er seinen Finger in Richtung der Falle. Und dann geschah das Unglaubliche: Die Falle schnappte nicht zu!
Was für ein Moment! Die Anspannung wich dem Staunen, und aus einer Situation voller Unsicherheit wurde eine Erfahrung, die Lukas und allen Zuschauenden sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Was können wir aus dieser Geschichte lernen?
Vielleicht kennen wir solche Situationen auch aus unserem eigenen Leben. Da gibt es Herausforderungen, die uns Angst machen. Entscheidungen, vor denen wir zurückschrecken. Sorgen, die sich in unseren Gedanken festsetzen und unseren Blick auf alles andere verstellen. Manchmal sehen wir nur noch das Problem, die Gefahr oder das, was schiefgehen könnte. Unsere Gedanken kreisen darum und wir verlieren – wie vernebelt – den Blick für das, was uns Halt geben könnte.
Genau hier liegt die wichtige Botschaft dieser Geschichte: Worauf wir unseren Blick richten, beeinflusst unseren Mut, vertrauensvolle Schritte zu wagen.
Lukas sah die Falle. Er sah die Gefahr und konnte kaum etwas anderes wahrnehmen. Mr. Joy dagegen stand direkt vor ihm und sprach ihm Mut zu. Lukas musste lernen, seinen Blick von der Falle zu lösen und sich demjenigen zuzuwenden, der ihn ermutigte.
Ist das nicht manchmal auch in unserem Glaubensleben und in der Beziehung zu Jesus so?
Wir sehen die Schwierigkeiten, die Sorgen und die Unsicherheiten unseres Lebens. Wir fragen uns, wie es weitergehen soll, ob wir das schaffen und was passiert, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es uns wünschen. Wir erkennen Umbrüche und Spannungen in unserer Gesellschaft; unsere Ängste können so groß werden, dass wir kaum noch etwas anderes wahrnehmen.
Dabei lädt Jesus uns ein, unseren Blick auf ihn zu richten. Er verspricht uns nicht, dass es in unserem Leben keine Schwierigkeiten geben wird, dass immer alles gut ausgeht oder dass uns niemals etwas Schlimmes passieren kann. Aber er lädt uns ein, auf ihn zu schauen und ihm zu vertrauen.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz der Angst einen Schritt im Vertrauen zu wagen.
Lukas war nicht deshalb mutig, weil die Mausefalle plötzlich harmlos aussah. Sie wirkte weiterhin gefährlich. Mutig wurde er, als er sich entschied, den Worten seines Gegenübers mehr zu vertrauen als seiner eigenen Angst. Er sah Mr. Joy in die Augen und ließ seine Worte wirken. Plötzlich entstand Mut in seinem Herzen und er entschied sich zu vertrauen.
Auch im Glauben ist das so. Vertrauen heißt nicht, dass wir immer alles verstehen und sehen müssen oder dass unsere Zweifel einfach verschwinden. Vertrauen heißt, uns auf Jesus einzulassen – auch dann, wenn wir noch nicht wissen, wie sich eine Situation entwickeln wird. Es bedeutet, zu beten, wenn uns die Worte fehlen, weiterzugehen, wenn der Weg unsicher erscheint, und uns daran zu erinnern, dass Gottes Nähe nicht davon abhängt, ob wir gerade mutig oder ängstlich sind.
Vertrauen wächst Schritt für Schritt
Und noch etwas können wir von Lukas lernen: Vertrauen wächst manchmal Schritt für Schritt. Nicht immer gelingt es uns auf Anhieb, unsere Sorgen loszulassen. Manchmal schauen wir wieder zurück auf das, was uns Angst macht. Dann brauchen wir Menschen, die uns ermutigen, die mit uns beten, uns zuhören und uns daran erinnern, dass wir nicht allein sind. Auch als Gemeinde können wir füreinander solche Menschen sein.
Natürlich lässt sich das Experiment mit der Mausefalle nicht einfach eins zu eins auf alle Lebenssituationen übertragen. Jesus ist kein Illusionskünstler, der uns vor jeder Gefahr verzaubert oder bewahrt. Aber die Geschichte macht anschaulich, wie sehr Angst unseren Blick einengen kann – und wie wichtig es ist, wem wir unser Vertrauen schenken.
Vielleicht nehmen wir deshalb eine einfache Frage mit in unseren Alltag: Worauf richte ich gerade meinen Blick – auf das, was mir Angst macht, oder auf den, der mich sieht, kennt und treu begleitet?
Die Mausefalle auf unserer Konfifreizeit war schnell wieder abgebaut. Die Frage nach dem Vertrauen aber bleibt. Für unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden, für unsere Gemeinde und für jeden von uns. Denn manchmal beginnt Mut genau dort, wo wir unseren Blick heben, uns an Gottes Zusage erinnern und den nächsten Schritt wagen.
Oliver Schäfer
