Im ersten Film von Der Herr der Ringe verlassen zwei Hobbits ihre Heimat, um einen wichtigen Auftrag zu erfüllen: Frodo und Sam. Frodo hat sich bereit erklärt, den einen Ring zu den Elben nach Bruchtal zu bringen. Sam begleitet ihn, weil er treu zu ihm steht. Doch am Rand des Auenlandes bleibt Sam plötzlich stehen. Noch ein einziger Schritt, und er ist weiter von zu Hause entfernt als je zuvor. Sam wird unsicher und bekommt Angst. Doch dann entscheidet er sich, weiterzugehen.
Vielleicht denken wir bei Mut an Menschen, die vor gar nichts Angst haben – an den Ritter, der ohne mit der Wimper zu zucken gegen den Drachen kämpft. Doch Mut ist nicht dasselbe wie Furchtlosigkeit. Wer nichts fürchtet, ist nicht mutig, sondern leichtsinnig. Sam kann in diesem Moment nicht wissen, was vor ihm liegt und welche Gefahren auf ihn lauern. Er nimmt die Situation wahr, wie sie ist, und hat eine begründete Angst. Trotzdem entscheidet er sich für den nächsten Schritt. Genau das ist Mut: Mut heißt nicht, keine Angst zu haben oder eine Situation schönzureden. Mut heißt vielmehr, die Lage realistisch einzuschätzen und sich dennoch nicht von der Angst bestimmen zu lassen.
Auch in der Bibel ist von Mut die Rede. Am Ende seines ersten Briefes an die Korinther schreibt Paulus: „Seid wachsam! Halte fest am Glauben! Seid mutig und stark! Alles, was ihr tut, soll von der Liebe bestimmt sein.“ (1. Korinther 16,13–14)
Mit diesen Versen verbindet Paulus Mut direkt mit der Liebe. Das tut er ganz bewusst, denn wir brauchen Mut, um zu lieben. Wer liebt, macht sich verletzlich. Es kostet Überwindung, auf jemanden zuzugehen – denn man könnte abgelehnt werden. Es kann beängstigend sein, jemandem seine Gefühle zu gestehen und Enttäuschung zu riskieren. Es kostet Mut, nach einem Konflikt den ersten Schritt zu machen und um Verzeihung zu bitten. In Beziehungen wird besonders deutlich, wie unverzichtbar Mut ist: Wir brauchen ihn, um ein erfülltes Leben zu führen, um die eigene Komfortzone zu verlassen, etwas zu wagen und uns nicht von der Furcht lahmlegen zu lassen.
Aber was gibt uns diesen Mut? Im 1. Johannesbrief 4,18 heißt es: „Wo die Liebe regiert, hat die Angst keinen Platz; Gottes vollkommene Liebe vertreibt jede Angst.“
Liebe befähigt uns, mutig zu sein, weil sie verhindert, dass die Angst die Oberhand gewinnt. Aber ist das nicht irgendwie paradox? Wir brauchen Liebe, um mutig zu sein und müssen mutig sein, um zu lieben. Wie soll das gehen?
Eine Antwort gibt uns direkt der darauffolgende Vers: „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1. Johannes 4,19)
Gott ist es, der den ersten Schritt gemacht hat. Seine Liebe ist bedingungslos und bleibt bestehen – ganz egal, was passiert. Weil er uns liebt, können wir ein Risiko eingehen, denn wir sind sicher in ihm. Das gibt uns die Freiheit und die Kraft, mutig auf andere zuzugehen und ihnen in Liebe zu begegnen.
Wo brauchen Sie gerade Mut? Vielleicht steht ein wichtiger Anruf bevor oder ein schwieriges Gespräch, vor dem Sie sich fürchten. Mutig sein bedeutet im Alltag meist nicht, einen riesigen Drachen zu besiegen. Oft ist es einfach der nächste kleine Schritt ins Ungewisse – so wie bei Sam. Und diesen nächsten Schritt können wir getrost gehen, weil wir von Gott geliebt sind.
Dominik Ranke