Verwurzelt und verbunden

„Am Anfang war das Wort (Jesus) und das Wort war bei Gott (Joh 1,1).“ Am Anfang der Welt stand also die Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die schon ewig besteht und weit über Raum und Zeit hinausreicht. Auch am Anfang der Welt spricht Gott: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“ (vgl. 1 Mose 2,18). Am Anfang steht die Liebe in der Gemeinschaft. Liebe ist etwas, das sich ereignet, hin und her gegeben, gespiegelt und verteilt wird.
Die Bibel spricht eigentlich durchgehend davon, wie wichtig Gemeinschaft ist. Jesus beruft einen Zwölferkreis und Paulus erinnert die Gemeinde daran, wie wichtig es ist, sich zu treffen und zu sehen. Gemeinschaft zu haben, ist auch eine der „Säulen“ der Gemeinde in der Apostelgeschichte (vgl. Apg 2,42).

Am Anfang unseres Lebens hier auf der Erde stehen die Schwangerschaft und die Geburt. Gott, der uns vom Anfang der Welt erdacht hat, formt uns, und wir kommen durch etwas Hochkomplexes und Faszinierendes wie eine Geburt an die frische Luft. Am Anfang des geistlichen Lebens, sagt Jesus, steht auch eine Geburt, aus dem Geist (Joh 3). Etwas Ungreifbares und Unkontrollierbares (vgl. Joh 3,8). Durch die geistliche Geburt, von der Jesus spricht, kommen wir in eine große Familie. Gottes Familie. Wir werden seine Kinder und haben Brüder und Schwestern, mit denen wir in Beziehung stehen. Doch es ist nicht nur ein Umziehen und Kofferpacken. Sondern eine Geburt. Ein Neu-geformt-werden und eine neue Art der Versorgung. Neue Beziehungen und eine neue Art von Liebe. Gott blickt uns an wie Eltern ihr neugeborenes Kind, und eine tiefe Verbundenheit und Liebe prägt den Blick. Beantwortet von Hingabe und Vertrauen. So dürfen wir uns wieder neu Gottes Blicks bewusst werden und ihn mit Hingabe und Vertrauen beantworten. Familien leben oft zusammen unter einem Dach und teilen viel miteinander. Wie leben wir das als Einzelpersonen in der Gemeinde miteinander? Wo lebe und suche ich Gemeinschaft? Ist das vielleicht etwas, das in meinem Leben neu- oder wiederentdeckt werden sollte?

Wie sieht es aus mit meiner Liebe zu Gott und meinen Geschwistern in der Gemeinde? Bernhard von Clairvaux hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Über die Gottesliebe“. Er unterscheidet verschiedene Stufen der Liebe. Von Natur aus liebt der Mensch zunächst vor allem sich selbst. Das Gebot der Nächstenliebe setzt dem Grenzen und öffnet unsere Liebe zu anderen Menschen. Die Grenzen, die uns die Nächstenliebe setzt, fordern von uns Selbstbeherrschung und das Wohlwollen für den Anderen. Auch wenn das bedeutet, das eigene Wohlbefinden einzuschränken. Nicht von egoistischen Belangen beherrscht zu sein, sondern von der Liebe. „Wer seinen Überfluss beschneidet und seinen Nächsten liebt, der hat Gottes Versprechen, dass er ihm alles Notwendige alsbald geben werde.“ Konkret können wir uns fragen, wo kann ich dem Anderen Raum geben? Kann ich den Anderen stehen lassen, selbst wenn ich anderer Meinung bin?

 

Für wen sind meine Wünsche und Vorstellungen gut? Das fordert von uns radikale Ehrlichkeit und einen Blick in den Spiegel, der auch unsere Schattenseiten aushält. Doch Jesus kennt sie schon lange, mit Ihm können wir alles besprechen und uns auch von unseren Geschwistern formen lassen. Damit wir nicht zu den Menschen gehören, die in den Spiegel blicken, weggehen und sofort wieder vergessen, was sie gesehen haben. 

Die nächste Stufe, von der Bernhard spricht ist, dass der Mensch Gott liebt, weil es für ihn ein Vorteil ist. Die Nächstenliebe kann nur erblühen, wenn Gott mit im Spiel ist. Die Liebe zu ihm, zum Vater, der uns geformt hat, formt unsere Liebe zueinander und klärt die Beziehungen. Er ist der Vater und wir sind Geschwister. Diese Familienbeziehung sortiert unsere Vorstellung, wer wir sind und wer Gott ist. Gott hilft uns und steht uns zur Seite, damit wir erleben, dass Gott alles vermag und wir durch ihn einen Vorteil haben, sodass unsere Liebe zu ihm geweckt wird. Häufig ist das verbunden mit Notlagen. So wie das Sprichwort sagt: „Die Not lehrt beten“. Nach und nach schmecken und erleben wir dann „wie süß der Herr ist“ (Ps 34,9). So werden wir gepackt von seiner Liebe, die auch die Nächstenliebe beeinflusst. Diese Liebe fühlt sich auch angenehm an, denn sie ist uneigennützig und es bleibt nicht bei Worten, sondern sie zeigt sich in Taten und Gesten. Sie wird greifbar, sichtbar und erlebbar. Mehr und mehr erleben wir, wie Jesus seine Liebe gelebt hat und was das mit unserem Herz macht. Das was Gott, unserem Vater, für uns als Familie wichtig ist, wird auch uns immer wichtiger. Hier könnten wir uns konkret fragen: „Wo bete ich aus Not heraus? Wie kann ich Gott in dem Bereich vertrauen? Wenn Gott unser Vater ist, was bedeutet das für die Beziehung zu XY? Wo habe ich erlebt, dass das, was Gott gibt, wirklich das Beste für mich war?“

Die nächste Stufe ist, dass der Mensch Gott wirklich liebt. Nicht wegen eines eigenen Vorteils, guten Gefühls, tiefer Gedanken, guter Gemeinschaft usw., sondern um seiner selbst willen. Und die vierte Stufe ist schließlich, dass der Mensch Gott nur noch um Gottes willen liebt. „Auf dem Gipfelpunkt der Liebe wird der Mensch von Gott angerührt, vergisst sich selbst und wird ein Geist mit Gott (…). Diese mystische Ekstase ist kurz; schnell findet sich der Mensch wieder zurückverwiesen in die Grenzen des irdischen Daseins und zu den Ansprüchen der praktischen Nächstenliebe.“

Der Einzelne und auch die Beziehung zu den Geschwistern ist vielschichtig. Wir können Liebe gewinnen und verlieren. Sie überschatten und einschlafen lassen. Aufwecken und erneuern. 

Wichtig ist, dass wir ehrlich werden zu uns selbst und uns fragen: Wie sieht meine Liebe zu Gott und meinen Geschwistern aus? Wo braucht sie Erfrischung und Erinnerung? Ein neues Date mit Gott? Wieder neu an seinen liebevollen Blick erinnert werden und das, was er für mich (uns) getan hat? Ein Treffen mit meinen Geschwistern?

Gott ist die Liebe. Am Anfang, dazwischen und in Ewigkeit.

 

Oliver Schäfer – Kinder- und Jugendreferent

 

 

Albrecht Fietz

Datum

7. November 2021