Vom Gejagten zum Friedensstifter

Wer Pappy, diesem recht kleinen jungen Mann aus dem Kongo begegnet, wird schnell einen großen Glaubenshelden in ihm entdecken. Seine Flucht vor der Rekrutierung zum Kindersoldaten führte den damals 12-jährigen 6 000 Kilometer zu Fuß aus seiner Heimat nach Südafrika. Sie endete auf den Straßen Kapstadts und in einem Kreislauf von Kriminalität, Drogen und im Gefängnis – bis eine unerwartete Begegnung mit Gott sein Leben radikal veränderte. Welcher Berufung Gottes folgt Pappy heute?

Ein Interview:

Albrecht Fietz: Pappy, in deiner Biografie gibst du uns tiefe Einblicke in deine Welt voller Gewalt, Krieg und Elend, wie du sie als Kind erlebt hast. Wie fühlt es sich an, deine Biografie in den eigenen Händen zu halten?

Pappy Orion: Es macht mich von Herzen dankbar, auch wenn es kein einfacher Weg war, meine vielen Lebensstationen nochmals innerlich Revue passieren zu lassen. Meine Vergangenheit, so schmerzhaft sie ist, wird immer Teil von mir sein. Doch meine Geschichte war auch nach 6 000 Kilometern Flucht nicht zu Ende. Im Gegenteil. Sie wurde von Gott neu geschrieben. Wenn ich meine Biografie in den Händen halte, dann ist es mein Wunsch, dass sie den Weg dorthin weist, wo jede und jeder seinen Rucksack mit schlechten Erinnerungen ablegen und eintauschen kann für Heilung, Wiederherstellung, Hoffnung, Freude und ein ewiges Leben. Dieser Ort ist am Kreuz!

Diese Begegnung mit Jesus war also die Kehrtwende in deinem Leben. Klingt nach „einmal gut – für immer gut“?  

Nein, sicherlich nicht. Auch wenn ich mir das gewünscht hätte. Die Begegnung mit Jesus war nur der Anfang. Missionare von Jugend mit einer Mission hatten mich sozusagen von der Straße in Südafrika aufgegabelt und bei sich aufgenommen. Seither sind 15 Jahre vergangen. Durch viel Unterstützung, Gebet und guten Mentoren wurde ich zu dem Mann, der ich heute bin. Die Vergebung am Kreuz durch Jesus war aber der erste Schritt und mein Schlüssel zur Heilung. Denn die inneren Verletzungen und der Schmerz führten in mir zu Wut und Zorn. Das hatte mich bitter werden lassen und Hass in mir geschürt: gegenüber meinem Vater, der mich damals so wehrlos auf die Flucht geschickt hatte, aber auch gegenüber den Rebellen und Soldaten, die meiner Familie und meinen Landsleuten so viel Leid und Schmerzen zugefügt hatten. 

 

Im Bild: Pappy im Gespräch mit Hilfsempfängern bei der Verteilung von Essenspaketen.

 

Und trotzdem bist du noch einmal den langen Weg zurück in dein Land, den Kongo, gegangen?

Genau deshalb! Ich wollte meine Familie wiederfinden, meinen Vater zur Rede stellen und mit den Tätern sprechen. Es war meine Reise der Versöhnung, fast ein Jahrzehnt nachdem ich fliehen musste. Am Ende war es schließlich meine kleine Schwester Diane, die mir entscheidend geholfen hat. Mit fünf Jahren war ihr unsagbares Leid zugefügt worden. Sie lehrte mich Liebe für mein Land, gegenüber meinen Landsleuten und sogar meinen Feinden.

Diesen Weg ist Diane mir vorausgegangen und auf ihm bin ich immer noch unterwegs. Er führt mich immer wieder zurück in mein Land, um dort Hoffnungsträger und Friedensstifter zu sein.

Friedensstifter genau dort, wo dir und deiner Familie einst so viele Schmerzen zugefügt wurden und immer noch über 30 Rebellengruppen ihr Unwesen treiben?

Ja. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir genau dann göttlichen inneren Frieden empfangen, wenn wir in Gottes Wegen und seiner Berufung wandeln. Immer wieder wird mir schmerzlich bewusst, dass ich alleine der Gewalt in meinem Land kein Ende setzen kann. Aber ich kann meinen Teil dazu beitragen, dass die strahlende Zukunft – für die auch der goldene Stern in meiner Landesflagge steht – für die nächste Generation in meinem Land wahr wird. Junge Menschen im Kongo sollen Hoffnung und ihre von Gott gegebene Bestimmung finden. Genau das erleben wir in den vielen verschiedenen Hilfsprojekten meiner Hilfsorganisation Focus Congo e. V.

Pappy, vielen Dank für deine offenen und ehrlichen Worte. Wie ermutigend, gerade in Zeiten, in denen wir täglich über Kriegsgeschehen – auch in Europa – in den Nachrichten hören. Du hast den Krieg erlebt und trotzdem inneren Frieden und Wunder über Wunder erfahren. Dank sei Gott! 

Die Fragen stellte Albrecht Fietz für die Zeitschrift Charisma, erscheint im Dezember 2022

 

Aktuelles im November 2022:

Rebellen kämpfen sich in Pappys Heimatregion wieder wenige Kilometer bis vor die Provinzhauptstadt Goma vor. Tausende Flüchtlinge fliehen vor gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Rebellen und Soldaten. Gemeinsam mit Chirurg Stephen Gaiseb aus Deutschland reist Pappy in die Krisenregion, um sich um Menschen vor Ort zu kümmern, die Hunger leiden, ohne Obdach und krank sind. Sie verteilen Essenspakete für Kinder, Mütter, Schwangere, ältere Menschen und kümmern sich in Partnerkrankenhäusern um Patienten, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Pappy berichtet aus dem Einsatz: „Wir geben Tag und Nacht alles, um Hoffnung für Menschen in Not im Kongo erreichbar zu machen. Danke von Herzen für jedes Gebet und jede Unterstützung durch Spenden.“ 

focuscongo.com/spende

 

Zum Buch „Flieh mein Sohn“

 

Pappy Orion Rwizibuka

Flieh, mein Sohn

Wie ich dem Krieg im Kongo entkam und Gott mich fand

SCM Hänssler, 280 S. (mit 8-seitigem Bildteil), 2022

Versandkostenfrei erhältlich unter 

focuscongo.com/shop 

 

Stimmen zum Buch:

Dieses Buch beschreibt eine Geschichte über Gottes Bewahrung, Glauben und wahre Entschlossenheit. Pappy ist zwei Jahre lang einen sehr weiten Weg gegangen, um kein Kindersoldat zu werden. Möge das Buch Sie beim Lesen segnen. Loren Cunningham, Gründer von Jugend mit einer Mission

Als Journalist habe ich über den Krieg berichtet. Pappy hat ihn erlebt. Sicherlich trägt er die Narben dieser Erfahrung, aber auch eine innere Stärke, die daraus geboren wurde. Man hört diese Stärke in seiner Stimme, sieht sie in seinen Augen und freudestrahlend in seinem Lächeln. Gott lebt in Pappy. Seine Geschichte ist ein Wunder. Byron PittsKorrespondent bei ABC News

 

 

Albrecht Fietz

Datum

16. November 2022

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